Texte aus der Sammlung

Auferstehung ist jetzt!
Von Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiss

OSTERPREDIGT 2012 über Römer 4,24-25

Als Predigttext lese ich einen Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Römer im 4. Kapitel:
Es soll uns zugerechnet werden, wenn wir glauben an den, der unseren Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten, welcher ist um unserer Sünde willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt.

Liebe Gemeinde,
für die Bibelworte, über die im Gottesdienst gepredigt werden soll, gibt es feste Listen. In keinem solchen Verzeichnis der für das Osterfest zur Predigt bestimmten Bibelworte finden sich jene Aussagen aus dem Brief an die Römer, die wir gerade gehört haben. Ich halte sie aber für so wichtig, dass ich mich heute einmal nicht an die Ordnung der Predigttexte halte, sondern genau diesen österlich so bedeutsamen Worten des Apostels Paulus nachspüre.
Hier ist von der Rechtfertigung des Menschen die Rede, vom zentralen Thema der Reformation. Paulus bringt sie in direkten Zusammenhang mit der Auferweckung Jesu Christi. Jahrhundertelang hat die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen die Christenheit in Atem gehalten. Das ist heute nicht mehr so. Aber bloß um diesen Gedanken aus dem Museum zu holen und ihn wieder einmal vorzustellen – aus die¬sem Grund spreche ich ihn nicht an. Dieser Ostergottesdienst ist keine Gedenkveranstaltung. Wir feiern kein Jubiläum und keinen Jahrestag. An Ostern geht es um etwas Gegenwärtiges. Jesu Auferstehung ist hier und heute bedeutsam. Auferstehung, Auferweckung ist jetzt.
Die Osterbotschaft besagt, dass Gott den gekreuzigten Jesus lebendig gemacht hat. Das heißt nicht weniger als dies: Jesus lebt heute und für immer. Er ist bei Gott, um uns zu einem Leben bei Gott und mit Gott zu führen.
Wir feiern als Christen den Auferstandenen selbst als unseren Herrn und Gott. Ihn beten wir an, ihm singen wir Loblieder; an ihn glauben wir, auf ihn richten wir unser Leben aus.
Immer wieder verlieren wir diese Orientierung an unserem auferstandenen Herrn im Alltag aus den Augen. Leider. Aber wir können und dürfen uns immer wieder korrigieren und uns neu an Christus ausrichten lassen. Ostern zeigt uns den Mittelpunkt unseres Glaubens an. Ostern gibt uns die Basis und den Anlass, auf die Wiederkunft unseres Herrn hinzuleben, alles von ihm zu erwarten - und deshalb immer wieder aus dem Klein-Klein unseres Alltags und aus unserer lähmenden Ängstlichkeit auszubrechen.
Schon jetzt können wir an uns eine neue Wirklichkeit spüren: Wir sind in Christus und mit Christus neue Kreaturen, bereit für das kommende Gottesreich, gegründet in tiefer Hoffnung. Wir dürfen aufblicken zu Gott wie zu unserem Vater und erleben: Gott ist Liebe.
Es gibt einen Moment in meinem Leben, da hat sich dieser Glaube ganz fest bei mir eingeprägt. Meine drei Geschwister und ich waren mit unserm Vater im Auto unterwegs. Da sagte mein Vater: „Ich bin euer Vater und habe euch alle sehr lieb, einen jeden von Euch. Aber ihr habt noch einen Vater, der ist viel wichtiger als ich. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie sehr der euch liebt.“
Diese Bemerkungen haben mich zunächst verwundert. Ich dachte, mein Vater redet sich schlecht. Und dazu hatte er keinen Grund. Er hat uns wirklich tief geliebt. Aber – so dachte ich, wenn er, der uns ja wirklich lieb hat, so überzeugt ist von Gottes Liebe, dann muss die etwas ganz Starkes und Außergewöhnliches sein!
Gott ist Liebe. Das ist keine abstrakte Definition, über die man nur in Begriffen nachdenken kann. Ganz anders: Wir dürfen Gott als Vater ansprechen. Und wir haben unseren Herrn Jesus Christus als Menschen zur Seite bekommen, in dem uns Gott selber begegnet. In der Beziehung zu diesem Herrn erfahren wir uns als Kinder Gottes. Trotz unserer Schuld dürfen wir uns völlig angenommen wissen bei ihm.
Genau das nennt der Apostel Paulus das Geschenk der Rechtfertigung. Wir erhalten die Rechtfertigung vor Gott zum einen, weil Christus sich am Kreuz hingegeben hat für die Sünden der Menschen. Solche Hingabe erleben wir auch beim Auferstandenen: Er ist da für uns. Er liebt jeden von uns – und will von jedem von uns geliebt werden. Wir sind unendlich wertvoll, nicht aus uns selbst heraus, nicht auf Grund irgendeiner Leistung, sondern weil er auf uns Wert legt.
Ich freue mich darauf, dass ich dies heute, aber auch in Bälde besonders intensiv erleben darf. So der Herr will, wird mein Patenkind in München demnächst zum zweiten Mal Mutter. Dann werde ich bestimmt wieder erfahren dürfen, wie unendlich wertvoll für Gott das Leben eines jeden einzelnen Menschen ist.
So zeigt sich in unserem Leben immer wieder: Die Osterbotschaft hat nicht nur mit einem Geschehen vor 2000 Jahren zu tun, sondern mit uns – hier und jetzt. Christus lebt – mit ihm auch ich, mit ihm auch du! Er tritt für uns ein und macht uns täglich neu gerecht. Denn er ist um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden.
Vielleicht ist über diesen Zusammenhang tatsächlich zu wenig gepredigt worden. Heute ist er vielen Christen aus dem Bewusstsein entschwunden. Überhaupt ist in unserer Gesellschaft kaum mehr von „Rechtfertigung“ die Rede. Eher noch gelegentlich von Selbstrecht¬fertigung.
Vor wenigen Wochen hat der Schriftsteller Martin Walser ein kleines, wertvolles Büchlein veröffentlicht, das genau den Titel trägt: „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“. Walser zeigt hier auf überraschende Weise, von welch zentraler Bedeutung Rechtfertigung für unser Leben ist. Ja, er räumt ein, dass der Begriff und die Sache der Rechtfertigung in unserer Zeit nicht mehr so aktuell und wichtig ist, wie er es in früheren Jahr¬hunderten war. Aber er wertet das keineswegs als Gewinn, sondern als Verlust. Von daher erklärt er: „Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei.“ Das heißt, seit die Menschen nicht mehr ihre Rechtfertigung von Gott her empfangen, sind sie gezwungen, sich selbst zu rechtfertigen. Und solche Selbstrechtfertigung artet nach Walser in blanke Rechthaberei aus.
Verloren gegangen ist den Menschen letztlich aber nicht eine abstrakte „Rechtfer¬tigung“, sondern der rechtfertigende Gott selbst. Verloren gegangen ist ihnen der Gott, der Rechtfertigung schenkt und ausspricht. Verloren gegangen ist ihnen der Horizont eines liebenden Gottes, der ihrem Leben Sinn, Halt und ewige Zukunft schenkt. Verschwunden ist mit Gott die Hoffnung, die über dieses Leben und diese Welt hinaus trägt.
Tatsächlich wird unsere Welt immer säkularer. Ein aggressiver Atheis¬mus gewinnt mehr und mehr Anhänger. Aber Martin Walser notiert: „Zu dem Atheisten fiel mir ein: Er hat keine Ahnung. Wer sagt, es gebe Gott nicht und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung.“ Walser hat Recht: In der Regel wissen Atheisten gar nicht mehr, welchen Gott sie überhaupt leugnen. Sie haben keine Ahnung, wer Gott ist. Sie haben keine Ahnung, was ihnen eigentlich fehlt.
Nochmals Walser: „Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem ‚bekennenden‘, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir.“ Dass vielen Menschen Gott derart unbekannt ist, dass er ihnen nicht einmal mehr fehlt, ist in gewisser Hinsicht gar nicht verwunderlich. Schon Jesus hat gesagt: „Niemand kennt den Sohn denn nur der Vater; und niemand kennt den Vater denn nur der Sohn – und wem es der Sohn offenbaren will.“ Dass Gott den Menschen unbekannt ist, das ist – jenseits des verlorenen Paradieses – gewissermaßen ein ebenso natürlicher wie trauriger Zustand. Viele suchen das Glück, ohne es zu finden. Noch nie sind so viele Bücher über das Glück erschienen wie in unserer Zeit. All diese Bücher sind Ausdruck einer verzweifelten Suche, nicht etwa des Gefunden-Habens. Viele suchen das verlorene Paradies, indem sie die moderne Technologie benutzen, die uns immer mehr eine Art Schlaraffenland verspricht. Aber auch damit werden sie nicht wirklich glücklicher. Die modernste Technologie überwindet nicht den Tod.
Durch die Botschaft von Jesus Christus ist Gottes Herrschaft nahe herbeigekommen. Und die Kirche ist beauftragt, dement¬spre¬chend Licht in die Welt zu tragen. Aber unsere Kultur will von Kirche und Christentum nicht mehr viel wissen. Kein Wunder, dass dieselbe Kultur den Tod nach Möglichkeit aus dem Bewusstsein verdrängt. Wenn aber Christen den Sieg über den Tod bezeugen, braucht der Tod nicht mehr verdrängt zu werden. Gott ist Sieger, und darauf dürfen wir vertrauen. Diese Oster¬botschaft wird dringend benötigt. Sie kann Menschen die längst ersehnte Hoffnung, die heimlich ersehnte Rechtfertigung bringen.
Leben wir als glaubwürdige Zeugen dieser Botschaft! Bleiben wir in der Liebe, die uns geschenkt und offenbart worden ist! Halten wir fest an dem Wort, das uns Ewigkeit zuspricht! Dann stehen wir schon mit einem Bein im wieder gefundenen Paradies.
Amen.

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